Nach dem Gig ist vor dem Gig. Was für Leder-Schubserei gilt, gilt auch für den Mucker im Allgemeinen. Und im Marburger Jazz noch viel mehr, denn direkt nach dem Konzert geht es weiter und zwar zum Jazzen in die „Cavete“. Man hat mir zwar erklärt was „Cavete“ heißt, aber zu dem Zeitpunkt musste ich noch ein paar andere Dinge gedanklich verarbeiten, so das ich die Erklärung schon wieder vergessen habe. Konkret ist das aber ein Ort, an dem jeder, der sich in irgendeiner Form bewogen fühlt, auf die Bühne klettert und in fröhlicher Runde einen zum Besten gibt. Und das während der kommenden 5 Tage an jedem Abend der laufenden Woche und bis zum Umfallen.
Als wir nun das erste Mal die Herrlichkeiten dieses Jazzer Walhalla betraten, bot sich dann auch ein Bild, dass sich ab sofort jeden Abend wiederholen würde. Ein Raum mit Theke (Nichts ungewöhnliches, der Musiker will ja leben und genießen) und einen weiteren Raum mit einer kleinen Bühne und davor ein Bereich für Anwesende. Ich sage absichtlich nicht Zuhörer, da die meisten dort Ausharrenden nur zum Teil aus Publikum bestand. Der Rest war, deutlich erkennbar an den mehr oder weniger großen Instrumental-Schatullen, offensichtlich in der Warteschleife für die nächste Session Kombination, die alsbald die Bühne erklimmen würde. Klavier, Kontra-Bass, Gitarrenverstärker und Schlagzeug waren vorhanden und mussten besetzt werden, was dann das immer gleiche Ritual ablaufen ließ, wenn sich mal wieder eine Spontan-Kapelle von der Bühne verabschiedete. Die ersten Mutigen schälten sich aus dem Rund der Anwesenden und besetzten die bevorzugten Instrumente. Dann betrachtete man zunächst die sich eingefundene Gruppe und analysierte die Besetzung. Man stellte schnell fest, welches der Basis-Instrumente noch verwaist war und der schweifende, suchende Blick in die Runde führte zumeist schnell zu einer Neubesetzung derselben. So, die neue Combo war geboren, jetzt galt es sich auf ein Stück festzulegen. Dies ist anders als bei Rocksession, wo meistens einfach ein Bluesschema genommen, auf dem dann ellenlang rumgeniedelt wird, wobei zumeist dann nur die Gitarristen oder Keyboarder zum Zuge kommen. Im Jazz an sich, geht es darum sich auf einen Standard zu einigen. Dies sind Stücke (1500 an der Zahl), die scheinbar in einer Art Bibel festgelegt sind und auf die man sich immer berufen kann. Die Struktur dieser Stücke besteht oft aus 2 Teilen (manchmal 3) die dann durch Akkorde festgelegt sind. Dieser Katalog der Jazz-Standards hat dann auch keine Noten (Was mir ja eigentlich entgegen kommt) sondern sieht mit seinen Akkordfolgen eher aus wie die Otto-Katalog Version von Käsekästchen oder eine Art Schülke-tafel für Musiküsse. Egal, jedenfalls sagt einer „Kennt Ihr …..“ und die anderen sagen „Logo“, oder „Klar“ oder „Ne, wie geht ?!?!“ in letzterem Falle werden dann nur kurz die Akkorde ausgetauscht und der Ablauf, z.B. „A-A-B-A-B“ , dann noch die Tonlage, was dann wieder die Akkorde selbst beeinflusst, und ab geht’s. Was soll ich sagen, spätestens nach dem ersten Durchlauf haut das hin, als ob sie noch nie etwas anderes in dieser Zusammensetzung gespielt hätten. Was ja auch stimmt, eigentlich.
Wenn erst mal die Einheit passt, beginnen die Improvisationen und zwar wird reihum zugeteilt, so dass jeder Mitspieler letztendlich sein Ding machen kann. Sind alle durch, endet das Stück undter großem Beifall der „Zuhörer“ und es beginnt das Ritual aufs Neue. Herrlich mit anzusehen, wie auf diese Art und Weise immer neue Bands entstehen und vergehen. Mal nur Beginner, dann wieder die Barrell-Häuser Profis , die mittlerweile auch nahezu vollständig aufgelaufen sind, aber zumeist eine Mischung aus beiden Lagern und immer mit größtem Spaß am gegenseitigen Zuspielen und Zuhören. Ich glaube hier liegt der Reiz des Jazz, das dass Neuentstehen auf Standards durch diese Neukombination immer spannend ist und bleibt, ob als Spieler oder Zuhörer. Apropos. Ich kann gleich vorweg nehmen, das ich mich alle Abende davor gedrückt habe mitzumischen. Aber nächstes Jahr lasse ich den Feigling in Seesen und werde meine Stimmbänder zum Jam vibrieren, denn den Spaß lasse ich mir nicht noch mal entgehen.
Fortsetzung folgt.